Beim Häuten des Wurstzipfels. Wie Jonas Dörge einmal fast einen Gedanken fühlte

Das öffentliche Auftreten des Bündnis gegen Antisemitismus Kasssel wird fast vollständig durch Jonas Dörges Online-Tiraden bestimmt. Weil diese vor Ressentiment und Ignoranz triefen, blamiert Dörge das BgA dabei ein ums andere Mal.

In Kassel gibt es einen „weißen, privilegierten, Fleisch – und Wurstessenden, heterosexuellen Schwanzträger“ (hier und im Folgenden: alle Fehler im Original). Vermutlich gibt es sogar knapp 100.000, aber nur einer von ihnen hält seine Wurst und seinen Schwanz für so relevant, dass er sich selbst öffentlich so bezeichnet. Wenn ich schreibe, dass er den entsprechenden Text auf der Seite des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel veröffentlicht hat, wissen viele in Kassel, dass es sich um Jonas Dörge handelt. Wenn ich nun schreibe, dass die allermeisten, mit denen man sich in Kassel über Jonas Dörge unterhält, von diesem genervt sind, wird er das wohl als Kompliment nehmen. Denn in der Selbstwahrnehmung ist der Wurstträger ein unerbittlicher Kritiker, der den Finger stets in die Wunden der Kasseler Zivilgesellschaft legt, um dem harmoniesüchtigen nordhessischen Klüngel im besten Sinne des Wortes auf die Nerven zu gehen.

Doch leider hat diese Selbsteinschätzung wenig mit der Natur der realen Genervtheit zu tun, die viele in Bezug auf Jonas Dörge verspüren. In Wirklichkeit ist diese eher von der Art, die aufkommt, wenn jemand in der Straßenbahn unablässig hörbar seine Ressentiments vor sich hin schimpft. Es nervt, aber die Genervtheit rührt nicht daher, dass man sich getroffen fühlte, sondern ist geprägt durch Fremdscham und Mitleid. Man blickt sich unter den anderen Fahrgästen an, schaut, ob sich jemand durch das Geschimpfe wirklich getroffen fühlt, und kommt dann zu dem stillschweigenden Konsens, dass man das am besten schweigend erträgt, bis man den Zug verlässt.

Jedoch unterscheidet sich Jonas Dörge leider in einem entscheidenden Punkt von den Tram-Grantlern: Er schimpft nicht bloß in öffentlichen Verkehrsmitteln vor sich hin, sondern tut es im Internet unter dem Namen des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel. Dieses Bündnis war, wie Alteingesessene zu berichten wissen, mal ein wirkliches Bündnis. Jedoch hatten die meisten beteiligten Personen auch noch andere Lebensinhalte, weshalb es Jonas Dörge nach und nach gelang, den öffentlichen Auftritt des BgA völlig zu dominieren. Das hat zur Konsequenz, dass mittlerweile kaum noch jemand in Kassel etwas mit dem BgA zu tun haben will – auch unter denjenigen, die der Ansicht sind, dass es in Kassel mehr als genug Antisemitismus zu kritisieren gibt.

Warum Dörges Tiraden in erster Linie dazu geeignet sind, das BgA zu isolieren, wird deutlich, wenn man sich den aktuellen Text anschaut, den er für das Bündnis geschrieben hat. In der Sache gäbe es hinreichenden Anlass für einen antisemitismuskritischen Text: Wenn eine in Kassel öffentlich tätige Gruppe wie das lady*fest sich etwas uneindeutig zu einer eindeutig antisemitischen Kampagne wie BDS positioniert, kann und sollte ein Bündnis gegen Antisemitismus Kassel das kritisieren. Wenn aber Jonas Dörge zur Tastatur greift, gelingt ihm das nicht, ohne sich selbst und das BgA öffentlich zu blamieren.

Die Blamage beginnt mit einem trans* und inter*feindlichen Schenkelklopfer:

„Die Ladys aus Nordhessen, die sich selbst mit einem Sternchen schreiben – das ist so als würde es Männerinnen oder Fraueriche, geschlechtsneutrale Mädchen und Jungs geben“.

Eine feministische Gruppe bezieht trans* und inter*Personen ein? Die sind doch weder richtig Mann noch richtig Frau! Hihihi! Lächerlich! „Männerinnen“, „Fraueriche“, „geschlechtsneutrale Mädchen und Jungs“! Man stellt sich vor, wie der Schwanzträger angesichts dieser Pointe zufrieden den Wurstzipfel in den Senfbottich neben der Tastatur tunkt, um dann genüsslich abzubeißen!

Nach dem Abbeißen geht die Blamage weiter mit dem antifeministischen Klischee schlechthin:

„Die Ladys aus Nordhessen […] haben erkannt, dass sie von Lähmungen befallen wurden, die ihnen ihre Gefühle bereiteten. Wer sich auf Gefühle beruft und darob meint Politik zu betreiben, sollte lieber den Supervisor rufen, einen Stuhlkreis bilden oder strenge Selbstreflexion betreiben, um den Rest des Verstandes unter dem offensichtlich vor lauter veganen Speisen und Tofuwürstchen im Denkorgang angereicherten Kompost frei zu buddeln.“

(Randbemerkung: Ist „Denkorgang“ ein kunstvolles Kofferwort basierend auf „Denkorgan“ und „Denkvorgang“? Ein Tausendsassa dieser Dörge!)

Frauen, die sind doch emotional und nicht rational! Und dann machen die Politik! Lächerlich! Dieses Ressentiment ist der rote Faden in Dörges Text. Tatsächlich knüpft er damit an ein Motiv in den Erklärungen des lady*fests zu den Auseinandersetzungen um BDS an. Tatsächlich ist in diesen wiederholt die Rede von „Gefühl“. Jedoch wird das Gefühl dabei, anders als Dörges antifeministischer Beißreflex es gerne hätte, nicht als etwas angeführt, das die Fühlenden von jeder Verpflichtung zu rationaler Interaktion entbindet und pauschal ins Recht setzt. Vielmehr wird in den Erklärungen reflektiert, inwiefern die eigene Praxis von Gefühlen geprägt ist, welche Folgen das hatte und wie damit sinnvollerweise umzugehen ist.

Hätte Dörge nun von der kritischen Theorie, auf die er sich so gerne beruft, etwas verstanden, so wüsste er, dass Vernunft und Gefühl keine einfachen Gegensätze sind. Er wüsste, dass vernünftige Praxis gerade darin bestünde, die Tatsache, dass sie auch durch Gefühle geprägt ist, reflexiv aufzunehmen, anstatt jede Beschmutzung durch Anders-als-Rationales im Namen der Vernunft zu verleugnen. Aber Dörge weiß nichts davon. Weil er nichts davon weiß, hält er jedes Gefühl, das seinen Körper durchzuckt, gleich für einen Gedanken. Und weil er sich selbst für einen großen Kritiker hält, hält er jeden dieser Gedanken auch für wert, ins Internet geschrieben zu werden – am liebsten im Namen des BgA.

Ich kann nun nicht mit Bestimmtheit behaupten, dass Jonas Dörge noch nie einen wirklichen Gedanken hatte – in seiner mir bekannten Textproduktion gibt es aber keinen Anhaltspunkt dafür, dass er einen gehabt hätte. Urteilt man auf Grundlage dessen, was er ins Internet schreibt, lässt sich seine Geisteswelt mit einem Gleichnis beschreiben:
Jonas Dörge sitzt in einer Höhle, die sich in einer Höhle befindet – er ist nicht gefesselt, aber er hat es sich dort so bequem gemacht, dass er lieber nicht aufsteht. Dabei ist sein Rücken dem Durchgang zugewandt, der aus seiner Höhle in die größere Höhle führt, sein Blick ist ausschließlich auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Das einzige Licht, das diese Wand bescheint, stammt von einer Funzel in der Hand von Justus Wertmüller, der vor dem Durchgang steht, um Jonas Dörge mit Schattenspielen zu unterhalten – und dessen Leuchte ist wahrlich nicht die hellste. Was Jonas Dörge also produziert, ist ein schlechter Abklatsch von Wertmüllerei. Er versucht die Linie der Bahamas nachzuzeichnen und auf Kassel zu übertragen.

Heraus kommen dann Sätze wie der folgende, der paradigmatisch für seine Textproduktion ist:

„Dass sich die Linke gegen Religionskritik, hier antimuslimische Rhetorik genannt, ausspricht, ist Merkmal des intellektuellen und moralischen Offenbarungseides, dem die Linke, nicht nur die postmoderne, sondern fast gänzlich anheim gefallen ist, seit sie vom postmodernen Humbug und mit dem, diesem einhergehenden Begriff vom ‚antimuslimischen Rassismus‘, und der These ‚Islam – das neue Feindbild‘ befallen ist und seit das Identitätsgeschwurbel die Klassenanalyse und die Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft abgelöst hat – Ein Denkbrei, der die Gehirnwindungen der chronisch Engagierten und Empörten zunehmend bis zur Lähmung durchfault, dass es ihnen zu den Ohren rausläuft.“

Ja, auch wenn Dörge sich entschieden hat, nach dem Minus, das wohl ein Gedankenstrich werden sollte (case in point), groß weiterzuschreiben, ist das wirklich ein Satz. Das Auffälligste an diesem Satz ist zweifelsohne, dass er zu groß für seinen Autor ist. Jonas Dörge hat etwas gefühlt, es für einen Gedanken gehalten, versucht ihm eine sprachliche Form zu verleihen – und ist dabei wie so oft gescheitert. Der Satz beginnt paradigmatischerweise damit, dass Dörge umstandslos – tatsächlich gibt es im Text nicht einmal den Versuch einer Hinleitung, die diesen Gedanken-, nein Gefühlssprung nachvollziehbar machen könnte – eine queerfeministische Gruppe aus Kassel für „die Linke“ stehen lässt. Die Verkommenheit „der Linken“, die er „linksgrünversifft“ dann doch noch nicht nennen will, ist das Leitmotiv von Dörges Texten. Daher reicht es ihm auch nicht, die Praxis des Kasseler lady*fests zu kritisieren. Nein, er muss die davon zweifelsohne geschmeichelten Organisator*innen auch direkt zu den Sprecher*innen „der Linken“ ernennen.

Diese Linke ist Dörge zufolge nun einem „Offenbarungseid[…] anheim gefallen“. Weiß Dörge, was ein Offenbarungseid ist? Merkt er, dass er mit dieser Formulierung einen ebensolchen leistet? Oder denkt er wirklich, ein Offenbarungseid sei etwas, dem man „anheimfallen“ könnte? Wie dem auch sei: Dem Offenbarungseid sei „die Linke, nicht nur die postmoderne, sondern fast gänzlich anheim gefallen“. Soll man Stilkritik üben und darauf hinweisen, wie holprig das formuliert ist? Nein, schauen wir uns diesen Offenbarungseid lieber noch einmal genauer an: Es handelt sich hier um einen „intellektuellen und moralischen“ Offenbarungseid! Diese Wortkombination wählt Dörge besonders gern, wenn er seine Geschichte vom Verfall der Linken erzählt – und erinnert damit nicht zufällig an den Traum einer „geistig-moralischen Wende“, die ein saumagenessender Schwanzträger in den 1980ern zu träumen pflegte. Während Dörge die Schattenspiele in seiner Höhle bewundert, hält er sich selbst für einen der letzten verbliebenen Fackelträger von Intellekt und Moral – und dass er dies ist, beweist er am besten, indem er die moralische und intellektuelle Verkommenheit, pardon: den moralischen und intellektuellen Offenbarungseid „der Linken“ vorführt. Für intellektuelle und moralische Offenbarungseide ist Jonas Dörge wahrlich ein Experte!

Zur Sache! Was macht den Offenbarungseid aus? Das „Merkmal des intellektuellen und moralischen Offenbarungseides“ bestehe darin, dass „sich die Linke gegen Religionskritik, hier antimuslimische Rhetorik genannt, ausspricht“. Eine klassische Dörge-Gefühls-Setzung: Wenn die Organisator*innen des lady*fests in einem offenen Brief des ak raccoons antimuslimische Rhetorik ausmachen, ist das für Jonas Dörge keiner Überprüfung wert. Vielmehr fühlt er, dass das, was antimuslimische Rhetorik und antimuslimischer Rassismus nur genannt wird, in Wirklichkeit dringend notwendige Religionskritik ist. Argumente braucht er dafür keine, es ist einfach so!

Und warum ist die Linke dem Offenbarungseid nun „anheim gefallen“? Sie ist es, weil „sie vom postmodernen Humbug und mit dem, diesem einhergehenden Begriff vom ‚antimuslimischen Rassismus‘, und der These ‚Islam – das neue Feindbild‘ befallen ist“. Die Krankheit oder das Ungeziefer, das die Linke da befallen hat, ist einer der Lieblingsgegner von Dörge: die „postmoderne“ Philosophie. Von dieser weiß Dörge freilich nichts außer dem, was Justus Wertmüller ihm in seinen Schattenspielen darbot (und weil das so ist, hält er amüsanterweise auch den Biskamp für einen Exponenten dieser Postmoderne). Aber dieses Unwissen hält ihn nicht davon ab, immer wieder über die Postmoderne zu schreiben, denn er fühlt ja ganz genau, was es mit ihr auf sich hat. Die Postmoderne ist die Entsorgung all dessen, was am modernen Westen hoch und heilig ist! Denn wenn die Linke „vom postmodernen Humbug“ befallen ist, ist sie auch „mit dem, diesem einhergehenden Begriff vom ‚antimuslimischen Rassismus‘, und der These ‚Islam – das neue Feindbild‘ befallen“. Man soll sich mit Rassismus auseinandersetzen? Auch noch mit solchem gegen Muslim_innen? Das kommt Dörge nicht in die hochmoderne Metzgerei-Tüte. Das wäre anstrengend und überforderte seine eindeutige Gefühlswelt (Westen = gut; Moderne = gut; Islam = real existierender Feminismus = antiwestlich, antimodern, antigut; Frauen = hehehe) ebenso sehr wie seine eigenen Sätze und die Sprache im Allgemeinen es tun. Aber ehe er noch Gefahr läuft, einem Offenbarungseid anheim zu fallen, entledigt er sich jeglicher Verwirrung, indem er Rassismuskritik in den Giftschrank mit der Aufschrift „Postmoderne“ verstaut.

Keine Verfallsgeschichte ohne Nostalgie! Was macht den Offenbarungseid der postmodern verlotterten Linken aus? Na klar: dass „das Identitätsgeschwurbel die Klassenanalyse und die Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft abgelöst hat“. Jonas Dörge und das BgA dagegen würden sich niemalsnicht mit Nebenwidersprüchen und Überbauphänomenen abgeben! Täglich kritisieren sie die warenproduzierende Gesellschaft und analysieren Klassen! Sie ziehen eigenfüßig durch die Fabrikhallen und Arbeiter_innenviertel – nein Arbeiterviertel! – Kassels. Denn wer Wurst isst und einen Schwanz trägt, der hat noch eine genuine Verbindung mit dem Proletariat! So fühlt es sich für Dörge an, so muss es sein!

Aber vielleicht – nur vielleicht – wird auch Jonas Dörge beim Hinschreiben seiner mit Gedanken verwechselten Gefühle manchmal von einem Hauch von Reflexion heimgesucht…“vom postmodernen Humbug und mit dem, diesen einhergehenden Begriff […], und der These […] befallen“? Ist man „von“ oder „mit“ etwas befallen? Braucht „einhergehen“ eine Präposition? Und wo muss die stehen? Wie ist das mit diesen verflixten Kommata? Ist das nun ein Relativsatz oder eine nachgestellte genauere Bestimmung? Und wenn es eines von beidem ist, wo endet das Ganze? Es ist doch zum Verzweifeln! Sollte Jonas Dörge durch solche reflexiven Zweifel, die ja der Anfang eines Gedankens sein könnten, geplagt sein, gelingt es ihm meisterhaft, sie zu verdrängen. Und wie geht das am besten? Indem man den anderen das vorwirft, was die eigene Praxis prägt: unlesbares „Geschwurbel“ und ein „Denkbrei, der die Gehirnwindungen der chronisch Engagierten und Empörten zunehmend bis zur Lähmung durchfault, dass es ihnen zu den Ohren rausläuft.“

Denn niemand in Kassel ist empörter und engagierter als Jonas Dörge.

 

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