Mit Katapulten im Glashaus. Ein unredlicher Streit über den unredlichen Umgang mit einem Zitat von Necla Kelek

Floris Biskamp

Seit einigen Tagen wird in diversen Medien über die zweifelhafte Karriere eines Zitats von Necla Kelek gestritten. Was Keleks Kritiker_innen da mit ihren Sätzen angestellt haben, ist zweifelsohne unredlich. Wer aber die Unredlichkeit Anderer kritisiert, sollte doch selbst zur Abwechslung einmal redlich sprechen.

Nein, was da mit Necla Keleks Zitat angestellt wurde, ist nicht in Ordnung und auch nicht rechtfertigbar. Wenn sie sagt, in islamischen Kontexten bestehe ein Bild von männlicher Sexualität als unbändigbarer Trieb, der nach seiner unbedingten Befriedigung im Notfall auch an Tieren dränge, erzeugt sie zwar (vermutlich bewusst) eine Assoziation von muslimischen Männern und Sodomie (was man kritisieren könnte), aber sie sagt nicht, dass muslimische Männer in besonderem Maße zur Sodomie neigten. Weil sie es nicht sagt, darf man auch nicht sagen, sie sage es. Da gibt es nichts zu rechtfertigen. Wer eine solche Behauptung in die Welt gesetzt oder unkritisch übernommen hat, täte nun gut daran, auf nachträgliche Rechtfertigungen zu verzichten, sondern stattdessen ein bisschen Reue zu zeigen – und müsste dafür nicht einmal die sonstige Kritik an Keleks Positionen zurücknehmen.

Die Art und Weise, auf die die Debatte bei Ruhrbaronen, Perlentaucher und Welt nun geführt wird, ist jedoch ebenfalls grob unredlich, und zwar aus mindestens zwei Gründen:

Erstens wirkt die Alarmiertheit, mit der über die Geschichte des Zitats gesprochen wird, doch reichlich unangemessen: Es ist zwar nicht redlich, aber doch ausgesprochen verbreitet, Zitatfetzen so aus dem Sinnzusammenhang zu reißen, dass die Zitierten zu sagen scheinen, was die Zitierenden gerne hätten. Sogar in der einen oder anderen Feuilletonrundschau des Perlentaucher soll das dann und wann schon vorgekommen sein. Ebenso ist es nicht sorgfältig gearbeitet, aber durchaus gewöhnlich, dass Zitate, die in einem seriösen Medium auftauchen, weiterzitiert werden, ohne dass die Originalquelle jedes Mal geprüft würde. Dass diese weit verbreiteten Vorgänge nun als unglaublicher Skandal inszeniert werden, ist schräg.

Zweitens ist es völlig bizarr, wenn die Geschichte nun so herumgebogen wird, als wollte ausgerechnet Necla Kelek „konstruktive Debatten“ (so Thierry Chervel in der Welt) führen und würde dabei von bösartigen Feind_innen torpediert. Kelek wirft im Glashaus nicht nur mit Steinen, sie stellt darin eine ganze Batterie von Katapulten auf. Dafür liefert sie gleich heute in ihrem heutigen Perlentaucher-Essay wieder ein gutes Beispiel, indem sie Folgendes über „Migrationswissenschaftler, Muslimfunktionäre, Multikulti-Politiker“ schreibt, wobei implizit naheliegt, dass sie sich auf Lamya Kaddor, Hilal Sezgin, Jakob Augstein, Daniel Bax, Thorsten Gerald Schneiders und Patrick Bahners bezieht:

„Es geht ihnen darum, eine gesellschaftliche Debatte um Religion und ihren Einfluss zu denunzieren – weil ihnen ein anderes Gesellschaftsideal vorschwebt. Es gilt nicht mehr das alte Prinzip der Aufklärung ‚Alle Menschen sind gleich und haben dieselben Rechte und Pflichten‘, sondern man will das Ungleiche gleich behandeln. Konkret: Apartheid von Frauen soll unter den Schutz der grundgesetzlichen Religionsfreiheit fallen.“

Ich habe gegen die Positionen der genannten Personen verschiedenste Einwände. Unabhängig davon ist unbestritten, dass sie allesamt Positionen haben, die von der Keleks abweichen. Dies ist der Fall, wenn es darum geht, was die Gleichheit aller an Rechten und Pflichten impliziert – konkret: gibt es ein Freiheitsrecht, ein Kopftuch zu tragen und wenn ja unter welchen Bedingungen? Auch sind sie sich mit Kelek uneinig darüber, was die größten Barrieren sind, die der Freiheit und Gleichheit aller derzeit im Wege stehen – Kelek sagt tendenziell: der Islam, die anderen sagen tendenziell: Islamfeindlichkeit. Das könnte man gut und gerne ausdiskutieren – beispielsweise in „konstruktiven Debatten“. Aber wo bitte sprechen sich die genannten Personen gegen gleiche Rechte und Pflichten für alle Menschen aus, wo für Geschlechterapartheid? Soll man Kelek nun zugutehalten, dass sie diese Lüge einfach so in den Raum stellt, ohne ein Zitat anzufälschen? Ist das die Redlichkeit, die da gefordert wird?

Und wie ist es damit, dass Kelek sich an der Seite Sarrazins positionierte, als dieser mit „Deutschland schafft sich ab“ so richtig rassistisch loslegte: Haben sich das auch ihre Feind_innen verleumderisch ausgedacht? Oder ist das die Art von „konstruktiver Debatte“, um die es hier gehen soll?

2 Gedanken zu „Mit Katapulten im Glashaus. Ein unredlicher Streit über den unredlichen Umgang mit einem Zitat von Necla Kelek“

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