Nein zu einem *generellen* Kopftuchverbot für Minderjährige. Ein Kommentar zu zwei Aufrufen

Heute erschien der Aufruf „Nein zu einem Kopftuchverbot für Minderjährige – eine migrationspädagogische Stellungnahme“, den ich unterzeichnet habe. In diesem Beitrag erläutere ich kurz, welche Kritikpunkte ich selbst an diesem Aufruf habe und warum ich ihn dennoch unterstütze.

Als Terre des Femmes letztes Jahr die Petition „Den Kopf frei haben!“ veröffentlichte und ernsthaft ein Verbot der Verschleierung bis zur Volljährigkeit forderte, schien mir das völlig absurd, schließlich steht diese Forderung im offenen Widerspruch zum Grundrecht der Religionsfreiheit. Auch muslimische Mädchen sind nach deutschem Recht ab dem vollendeten 14. Lebensjahr voll religionsmündig. Wenn sie ein Kopftuch tragen, kann man davon halten, was man will, aber ein „Kinderkopftuch“ ist es sicher nicht. Die Forderung nach einer einseitigen und hierzulande präzedenzlosen Entmündigung von muslimischen Mädchen und Frauen hätte ich selbst aus diesem „islamkritischen“ Lager in dieser Form nicht erwartet. In dem Aufruf werden völlig abwegige, aber spektakuläre Forderungen erhoben, um auf dem Rücken einer religiösen Minderheit im Allgemeinen und von den Mädchen und Frauen in dieser Minderheit im Besonderen möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren – anders wüsste ich mir dieses Vorgehen nicht zu erklären. Zu meiner Überraschung wurde die Forderung nach einem generellen Verschleierungsverbot für Minderjährige aber tatsächlich ernstgenommen und diskutiert.

Die inhaltlichen Probleme der im Aufruf formulierten Darstellung des Gegenstandes waren dagegen in diesem Kontext ganz und gar erwartbar. Die Frage der Verschleierung wurde dort wie so oft entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz und entgegen zahlreichen Positionierungen von muslimischen Mädchen und Frauen auf einen einfachen Gegensatz von familiär-patriarchalischem Zwang zum Schleier auf der einen Seite und individueller Freiheit des Mädchens, die sich gefälligst in Entschleierung auszudrücken hat, auf der anderen Seite reduziert. Solche Darstellungen verfehlen nicht nur die Realität bei weitem, sondern sind auch anknüpfungsfähig an gängige rassistische Diskurse.

Als ich vor kurzem gefragt wurde, ob ich einen Gegenaufruf unterzeichnen möchte, stand ich dem entsprechend wohlwollend gegenüber – wenn auch mit einer gewissen Skepsis, weil ich nicht unnötig zur weiteren Verlängerung von „Islamdebatten“ beitragen möchte und in diesen Debatten auch den Gegner_innen von Terre des Femmes selten vorbehaltlos zustimmen kann. Und so war ich nicht sonderlich überrascht, als ich an dem Gegenaufruf „Nein zu einem Kopftuchverbot für Minderjährige – eine migrationspädagogische Stellungnahme“ selbst relativ grundlegende Kritikpunkte hatte (s.u.). Weil Politik aber manchmal eine binäre Angelegenheit ist und ich das Zeichen gegen die völlig überspitzten Verbotsforderungen für wichtiger halte als meine Bedenken, habe ich der Unterzeichnungsanfrage dennoch zugestimmt und wie folgt geantwortet:

Ich zeichne das gerne mit.

Allerdings seien noch vier miteinander verbundene Bedenken angemeldet:

  1. Ich finde es etwas unglücklich, dass auf der ersten Seite, die ja den wohl meistgelesenen Kern des Aufrufs bildet, nicht gewürdigt wird, dass es reale Probleme gibt und familiärer Druck ein solches sein kann.
  2. An den Stellen, an denen dies im Begründungstext erwähnt wird, scheint es mir auch etwas zu „weich“. Es geht mal allgemein in den patriarchalischen Strukturen in der Gesellschaft auf, mal sind es Einzelfälle.
  3. Dabei scheint mir auch das Potenzial pädagogischer Interventionsmöglichkeiten etwas überschätzt zu werden – ganz so vielfältig und vielversprechend scheinen mir die nicht zu sein. Wäre man realistisch, müsste man zugestehen, dass man viele Mädchen immer alleine lässt (was sich durch ein Kopftuchverbot freilich nicht änderte!).
  4. Ich fände eine Differenzierung nach Alter erstrebenswert. Ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Grundschulen halte ich unter Umständen (insb. wenn reale Probleme vorliegen) für rechtfertigbar.

Lieber wäre es mir, der Aufruf wäre so formuliert, dass er sich gegen ein generelles Kopftuchverbot für Minderjährige und nicht pauschal gegen jedes Verbot richtet; lieber wäre es mir, der Aufruf benennte islamisch-religiös legitimierten patriarchalischen Zwang als verbreitetes reales Problem und nicht bloß als einige Einzelfälle unter vielen, die überall vorkommen können; lieber wäre es mir, der Aufruf wäre etwas realistischer bei der Einschätzung pädagogischer Interventionsmöglichkeiten.

Diese Bedenken werden aber von der Überzeugung übertrumpft, dass ein Kopftuchverbot, wie Terre des Femmes es fordert, weitaus mehr Schaden anrichten würde, als es je nützen könnte. Viele gute Gründe für diese Überzeugung werden im Gegenaufruf treffend dargelegt, weshalb ich ihn unterstütze.

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