Das große Jammern. Eine Sammlung konservativ-nostalgischer Tränen, die über den Verfall des Guten in der Gesellschaft vergossen wurden

Ein neues Projekt: In diesem regelmäßig aktualisierten Beitrag sammle ich ab heute Feuilletonbeiträge, in denen der Verlust des Guten in der Welt durch linken und liberalen Aktivismus beklagt wird – sei es, dass die Linke wegen ihrer Identitätspolitik schuld an Trump ist, sei es, dass Gender unsere Sprache verlottern lässt, sei es, dass die Postmoderne die Rationalität kaputtmacht, sei es, dass der arme Westen zu Unrecht immer für seinen (Neo-)Kolonialismus gegeißelt wird, sei es, dass naive Forderungen nach Klimaschutz und Sozialismus die Lehren des Totalitarismus ignorieren, oder sei es, dass übertriebene Forderungen nach sozialen Wohltaten Standort und Fortschritt gefährden.

Als konservativ bezeichne ich dieses Jammern aufgrund der nostalgischen Geste, die einen bereits erfolgten oder gerade erfolgenden Verfall beklagt; als Gejammer bezeichne ich diese Nostalgie, weil sie immer wieder mit dem Vorwurf der Larmoyanz einhergeht.

Dabei geht es mir nicht darum, ein ausgeglichenes Bild der Feuilletondebatten zu zeichnen – selbstredend gibt es immer Gegenstimmen und Zwischentöne. Es geht lediglich darum, zu zeigen, wie laut und hochfrequent das konservative Klagen ist.

Das Prozess ist durch und durch idiosynkratisch. Die (voraussichtlich einzige, mindestens hauptsächliche) Datenbasis bildet die Perlentaucher-Debattenrundschau 9Punkt. Die dort erfolgte Vorauswahl ist selbst schon durch Willkür gekennzeichnet (wie sollte es auch anders sein) und ich greife aus ihr wiederum willkürlich Beiträge heraus. Gesammelt werden jeweils die dort formulierten Zusammenfassungen im Wortlaut, ggf. mit kurzem Kommentar. Das Projekt läuft genau so lange und so intensiv, wie ich Lust und Zeit habe.

Kalenderwoche 16/2019

20 April

Die Zahl der wissenschaftlichen Debatten, die an deutschen Universitäten einem identitätspolitisch-linken Political-Correctness-Meinungsdiktat zum Opfer gefallen wären, verweilt hartnäckig bei null. Ebenso die Zahl von Professor_innen, deren Karriere auf diese Art ein jähes Ende fand. Dennoch muss man unbedingt regelmäßig davor warnen, dass hier bald amerikanische Zustände herrschen könnten! Die jüngste Runde wurde vom Deutschen Hochschulverband eingeleitet und in der FAZ dankbar aufgenommen.

Auch auf Deutschland greift das zensorische Verhalten der universitären Linken über, konstatiert Jürgen Kaube im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ und diagnostiziert auf magisches Denken: „Englisch würde man vom ‚No platform‚-Argument sprechen. Was nicht gefällt, soll erst gar keine Bühne erhalten. Unterstellt werden Ansteckungsgefahr und das Abfärben von Reputation auf die missliebigen Gegner.“

17 April

Wer immer bei der ARD die Entscheidung getroffen hat, keinen zehnstündigen Live-Brennpunkt zum Feuer von Notre Dame auszustrahlen, sollte mindestens einen Grimmepreis erhalten. Nichts ist sinnloser als dieses Sendeformat, in dem die nicht vorhandenen Informationen vor Fototapeten und Live-Bildern im Minutentakt wiederholt werden, unterbrochen nur von Expert_innen, die selbst nicht mehr wissen, aber dasselbe noch einmal anders sagen. Natürlich sieht man das bei der Welt ganz. Stell Dir vor, das Abendland geht unter und niemand sieht hin!

Dankwart Guratzsch von der Welt scheint bei Ereignissen wie diesem tatsächlich noch etwas von den öffentlich-rechtlichen Sendern zu erwarten, statt gleich zu BBC und CNN zu zappen. Natürlich liefen auf ZDF nur und ARD nur die üblichen Tierdokus und Talkshows: „In Paris stand eines der Symbolbauwerke des Abendlandes in Flammen – den öffentlichen Sendern war es keine Sondersendung wert. Sie handelten es in ihren Nachrichten wie den Brand in einem Reifenlager oder einer Textilfabrik ab. Das also ist die Europa-Idee, die in diesen Anstalten transportiert wird.“

Ein Kommentar in der taz handelt davon, dass die Geschicke der Welt in Zukunft wohl nicht mehr von der immergleichen Minderheit bestimmt werden könnte. Wie gibt der Perlentaucher das wieder? Mit einer historischen Analogie zum deutschen Imperialismus.

Heteros sind so was von out. Statt dessen sollte die deutsche Linke am queeren Wesen genesen, fordert die Journalistin Eva-Maria Tepest in der taz: „Das Einverständnis mit traditionellen Genderrollen zerbröckelt immer mehr, während das Versprechen der Heterosexualität immer weniger überzeugt. Denn mit Donald Trump, Jair Bolsonaro und Viktor Orbán verwirklichen alte weiße Männer ihre wahnhaften Vorstellungen von autoritärer Männlichkeit zum Leidwesen von Frauen, Queers, Armen und Schwarzen Personen.“

15 April

Der Zerfall der Gesellschaft in Stämme, Vico-Edition:

Die westlichen Gesellschaften werden immer infantiler, behauptet der stark mit dem italienischen Aufklärungsphilosophen Giambattista Vico argumentierende, in Pessimismus versinkende Kulturphilosoph Robert P. Harrison im Interview mit der NZZ. „Unsere Situation in der entwickelten Welt scheint paradox. Einerseits haben wir Vicos Endstadium erreicht: Wir wissen um die Verbundenheit von Ich, Wir und Welt, wir haben verinnerlicht, dass alles, was auf dem Globus geschieht, auf komplexe Art und Weise miteinander verbunden ist. Was in Indien oder Afrika passiert, betrifft uns hier in den USA. Völlig klar. Wir haben ein Bewusstsein des ganzen Menschengeschlechts. Doch ist diese Identifikation zugleich sehr abstrakt und darum schwach. Wir haben den Bogen überspannt. Nicht mehr jede politische Maßnahme lässt sich im Namen der Globalisierung rechtfertigen, von der angeblich alle profitieren. So bewegen wir uns weg vom Ideal einer universalistischen, aufgeklärten, ökonomisch und kulturell verflochtenen Menschheit hin zu einer Interdependenz neuer Stammesgesellschaften..“

Kalenderwoche 15/2019

13. April

Fast so gut wie der Papst (s.u.) ist Slavoj Zizek. Übersetzt: Der real existierende Feminismus ist bourgeoiser Quatsch, der unseren guten alten Klassenkampf kaputtmacht und die Revolution verhindert.

Nächste Woche steht in Toronto der große Philosophen-Fight an. In der rechten Ecke der Psychologie-Star Jordan Peterson, in der linken Slavoj Zizek. In der NZZ kocht René Scheu schon die Stimmung hoch. Zizek spielt mit und erklärt, warum Peterson die Feindbilder durcheinander gehen, warum er die totale Alternative zu diesem sei und was ihn aber auch als vernünftigen Marxisten von einem Linksliberalen unterscheidet: „Sie konzipieren den Menschen als fluides, flexibles Subjekt, das sich stets neu erfinden kann, ja muss, um sich vom Patriarchat zu befreien. Die Palette der Neuerfindungen reicht von der sexuellen Orientierung bis hin zur Karriere. Und die Linksliberalen verkaufen das als große Freiheit. So ein Bullshit. Was sie da herbeten, ohne es zu merken, ist – marxistisch gesprochen – geradezu der Kern der bourgeoisen Subjektivität. Und sie können das nur tun, weil sie selbst gut leben und zu den Privilegierten zählen.“

12. April

Die Tränen eines ehemaligen Papstes sind natürlich von allerhöchster Qualität! Natürlich sind die 68er schuld am jahrzehntelangen systematisch vertuschten Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche! Wer auch sonst?

Auch auf Deutsch veröffentlicht der Corriere della Sera Joseph Ratzingers Aufsatz zum sexuellem Missbrauch in der Kirche, der der 68er-Bewegung zu verdanken sei: „Zu der Physiognomie der 68er-Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde. Wenigstens für die jungen Menschen in der Kirche, aber nicht nur für sie, war dies in vieler Hinsicht eine sehr schwierige Zeit.“ Allen anderen Historikern war bisher nicht aufgefallen, dass katholische Priester den Weisungen der 68er folgen. Mehr in der taz.

Eigentlich dient mir ja die Perlentaucher-Auswahl als Filter, aber dieser Artikel des European ist doch zu schön, um ihn unerwähnt zu lassen – samt des Tweets, der locker mit einer Shoah-Relativierung spielt, die dann der Gegenseite in die Schuhe geschoben werden soll. Denn „irgendwo“ wurde „neulich“ so etwas gesagt – ganz bestimmt!

Früher gehörte zur politischen Linken die Kraft der Utopie: totale Gleichheit, ewiger Friede. Die klassische Linke war sich einst ihrer Heilsgewissheiten sicher. Doch seitdem sich der Mythos von der klassenlosen Gesellschaft selbst entzaubert hat und das Hauptthema zumindest unter westlichen Linken von der Politischen Ökonomie zur Ökologie gewandert ist, triumphieren die Unheilsgewissheiten. Wie hieß es neulich in einer Diskussion irgendwo in deutschen Landen: Was ist schlimmer, der Holocaust-Leugner oder der Klimawandel-Leugner? Der Klima-Leugner natürlich, beim Holocaust ging’s nur um sechs Millionen, beim Klimawandel aber um die gesamten Menschheit… Es gibt keine edlere Angst als die Umwelt-Angst.

11. April

Ostdeutsche Tränen spezial: Das muss man auch erst einmal schaffen: Sich über den Vergleich zwischen der Diskriminierung gegen Muslim_innen und der Diskriminierung gegen Ostdeutsche aufregen, weil das so ungerecht zu den Ostdeutschen ist! Was haben die Ostdeutschen denn so Schlimmes getan, dass sie jetzt in einem Atemzug mit Muslim_innen genannt zu werden!? Muslim_innen sind doch wirklich gefährlich fremd, die Ostdeutschen dagegen gar nicht so anders als die Westdeutschen – und sie haben noch nie Wien belagert! Man weiß gar nicht wo man anfangen soll. Dabei, dass Diskriminiertwerden und Anderssein zwei verschiedene paar Schuhe sind? Dabei, dass Muslim_innen sich sicher nicht selbst seit 1500 Jahren als andere gegenüber dem christlich geprägten Europa verstehen, sondern als eigene, für die das christlich geprägte Europa ab einem gewissen Zeitpunkt ein Anderes war?

Alles nur „Theaterdonner“ entgegnet in einem wütenden Welt-Essay der ostdeutsche Philosoph und evangelische Theologe Richard Schröder der These der Migrationsforscherin Naika Foroutan, Ostdeutsche und muslimische Migranten seien demselben Rassismus der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. (Unsere Resümees). „Die ehemalige DDR, heute Ostdeutschland genannt, hat unter allen ehemals sozialistischen Ländern das große Losgezogen“, schreibt er und hält den Vergleich für „abwegig“: „Ostdeutsche und Westdeutsche verbindet dieselbe Sprache, dieselbe Geschichte, die lediglich 40 Jahre getrennt verlief, aber auch dieselbe Kultur einschließlich der Trivialkultur von Songs und Schlagern oder etwa der Mode. Uns trennen auch keine Speisevorschriften. Nur hinsichtlich der Christlichkeit gibt es markante, aber wohl doch eher quantitative Unterschiede, wenn wir Hamburg mit Leipzig vergleichen. Muslime dagegen haben nicht 40, sondern 1500 Jahre eine andere Kultur entwickelt und auch sich selbst als das andere gegenüber dem christlich geprägten Europa verstanden, das zu unterwerfen unbedenklich erschien. Zweimal standen die Osmanen vor Wien, und Erdogan preist die Eroberung des christlichen Konstantinopel.“

10. April

Dieser Artikel von Josef Beyer hält wirklich all das an Mansplaining, was der Teaser verspricht. Hier erklärt ein echter Professor für Linguistik den Gender-Quatschköpfen endlich mal, wie Sprache funktioniert. Eine Leseempfehlung!

Würde eine gendergerechte Sprache zu mehr Gleichberechtigung führen? Der Linguist Josef Beyer bezweifelt es in der NZZ stark, Umbenennungen hätten noch nie geholfen: „Ein Altenheim, das in Seniorenstift umbenannt worden ist, bleibt für die Insassen weiterhin ein reichlich tristes

9. April

Armin Nassehi ist sicher kein Konservativer – er ist der letzte Liberale in diesem Land! Aber die Klage über den Verfall der Gesellschaft in partikulare Identitäten beherrscht er umso besser. (Randbemerkung: Ob Linkssein vielleicht schon immer hieß, Menschen nicht danach zu beurteilen, was sie sagen, sondern danach, wie sie in der Gesellschaft positioiniert sind und was sie mit dieser Positionierung tun? Dann hätte Nassehi die Linken vielleicht immer als Liberale missverstanden.)

In der FAZ geißelt der Soziologe Armin Nassehi „eine Wiederkehr des Reaktionären auf allen Seiten“. Früher sei der Konflikt zwischen Linken oder Liberalen auf der einen Seite und ihren Gegnern vielleicht einer gewesen zwischen jenen, die Menschen danach beurteilten, „was sie sagen, oder danach, was sie sind„. Doch das bilde die heutige Situation nicht mehr ab: „Wir haben es, auf allen Seiten, immer stärker mit Äußerungen zu tun, wer man sei.“ Und Nassehi benennt die konfliktuelle Komplizenschaft zwischen rechten und linken Identitätsdiskursen: „In diesem Kulturkampf kann es weder Sieger noch einen Ausweg geben, weil sich die Identitäten gegenseitig bestätigen, ja voneinander leben.“

Und natürlich versteht man beim Perlentaucher, wer für diesen neuen Tribalismus verantwortlich ist: Postmigrant_innen, die Repräsentanz einfordern:

Und gleich ein Artikel, der wie eine Illustration zu Nassehis These wirkt: Beliban zu Stolberg, Ronya Othmann, Eser Aktay, Studenten mit Migrationshintergrund, schreiben in der taz, dass es viele zu wenige wie sie in den Redaktionen gibt. Je nachdem möchten sie als solche dort berücksichtigt werden oder auch nicht. „Bei Jan Fleischhauer und Sascha Lobo werden Haltung und Tonfall wahrgenommen. Im Gegensatz dazu wird Mirna Funk oft als die jüdische Kolumnistin und Ferda Ataman als die migrantische gelesen. Als ob das alles wäre. Repräsentation ist wichtig, Diversity ist wichtig.“

8. April

Noch ein Grenzfall, er sei hier aber aufgeführt, weil gleich zwei Kernmotive des konservativen Jammerns auftauchen: Zum einen der Strohmann eines gesellschaftspolitisch dominanten Multikulturalismus, der die Unterdrückung von Frauen mit Verweis auf eine andere Kultur, die man eben tolerieren müsse, rechtfertigt; zum anderen die damit verbundene These, dass am Ende doch Linke und Liberale irgendwie schuld an den Missständen sind. (Ausgeblendet wird dabei freilich, dass die jahrzehntelange Nicht-Integration einiger (post-)migrantischen Minderheiten wesentlich durch exkludierende Politiken betrieben wurde, die Deutschland auf keinen Fall als Einwanderungsland sehen wollen.)

Für Schwarzer beginnt genau hier der neue Rassismus: „Wir haben die Mehrheit der Muslime in Europa, die aufgeklärt sind und Demokratie wollen, im Stich gelassen und dem Druck der radikalen Minderheit ausgeliefert. Und wir haben uns nicht nur in Deutschland den ungeheuren Luxus erlaubt, nicht genau zu unterscheiden: zwischen normalen Muslimen und islamistischen Ideologen und Hetzern. Und jetzt wundern wir uns, wenn die Rechte da aufsattelt. Für diese neue Art von Rassismus sind die Kräfte verantwortlich, die immerzu diesen Kulturrelativismus gepredigt haben, die gesagt haben: Das ist eine andere Religion, das sind andere Sitten, die sind eben so. Du gehörst dazu, Margarete. Es gäbe keine AfD, wenn Liberale und Linke nicht so versagt hätten.“

Kalenderwoche 14/2019

4. April

Es ist nicht immer leicht zu sagen, was eine konservative Träne ist. Zum Beispiel in der Debatte um die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ in Frankfurt. Daher hier nur ein Schlaglicht: Damit, wie diese Debatte geführt wird, ist man beim Perlentaucher so unglücklich, dass man die Beiträge sehr deutlich kommentiert. Hier sei nur eine dabei aufgenommene Auflistung von Veränderungen zitiert, aufgrund derer Muslim_innen laut Perlentaucher nicht mehr das Argument gelten machen können, es gehe ihnen beim Kopftuchtragen um Selbstbehauptung. Denn wenn Amazon nicht mehr mit Woody Allen zusammenarbeitet, hat sich das Thema erledigt. (Hä?)

[Dieses Denken mag 1970 gegolten haben, aber wir leben jetzt im 21. Jahrhundert: Da stellen sich Musikliebhaber die Frage, ob man Michael Jackson noch hören darf. Da kündigt Amazon [korr.] seine Zusammenarbeit mit Woody Allen auf. Da werden Rechnungen aus 500 Jahren Kolonialzeit präsentiert. Da werden Feministinnen in die rechte Ecke gestellt, weil der ein oder andere AfDler auch gegen das Kopftuch ist. Kann es da für muslimische Teenager im Westen okay sein, das Kopftuch als radical-chic-Accessoire zu benutzen, obwohl Frauen in großenTeilen der islamischen Welt gefoltertvergewaltigt und ermordet werden, wenn sie das Kopftuch verweigern? Offenbar schon – vorausgesetzt die milde lächelnde weiße AlphaFrau in FAZSZ und Zeit (unsere Resümees) gibt ihren Segen. (Anja Seeliger, Perlentaucher)]

2. April

Ein klassisches Motiv des konservativen Jammerns: der Zerfall der Gesellschaft in Stämme. Die romantisierte Hochzeit von Gesellschaft, Debattenkultur und Republikanismus ist freilich immer genau die Zeit, in der 95% derer, die sich an öffentlichen Debatten beteiligten, weiße Männer aus den oberen schichten waren. Aber darum geht es natürlich nie.

In der NZZ wünscht sich Lukas Leuzinger eine Debattenkultur, in der nicht die „Stammeskrieger“ dominieren, sondern politische Wesen, mit „Verständnis für Andersdenkende“.

Kalenderwoche 13/2019

Diese Woche stand im Perlentaucher ganz im Zeichen der EU-Urheberrechtsreform, weshalb das konservative Jammern etwas weniger Raum einnahm als üblich. Ganz ohne Tränen ging aber auch die 13. Kalenderwoche nicht vonstatten.

30. März 2019

In der NZZ entdeckt Maximilian Zech die Gefahr des christlichen Fundamentalismus. Und was ist die aktuell gbedrohlichste Ausdrucksform dieses Fundamentalismus? Genau! Die brandgefährliche Idee der Nächstenliebe und die christlichen Versuche, sie den säkularen Mitbürger_innen in der Asylpolitik aufzuzwingen. Jürgen Habermas‘ politische Theorie wird dabei freilich nur zu der Hälfte rezipiert, die ins Konzept passt. Denn tatsächlich führt Habermas das christliche Konzept der Gottesebenbildlichkeit des Menschen als Beispiel für eine bereits erfolgte und erfolgreiche Übersetzung eines religiösen Konzepts in ein säkulares an, denn genau darauf beruhe unser Konzept der universellen Menschenwürde. Diese Menschenwürde kommt dann auch Flüchtenden zu, woraus sich eben politische und rechtliche Verpflichtungen ergeben. Aber damit sollte man sich nicht aufhalten.

Religion oder aus religiösen Vorstellungen gespeiste moralische Werte bestimmen heute immer mehr die Politik, obwohl für über 60 Prozent der Bevölkerung Religion keine Rolle mehr spielt. In der NZZ denkt Maximilian Zech mit Max Weber und Jürgen Habermas über die Folgen nach: „Der liberale Staat dürfe seine Bürger ‚nur mit Pflichten konfrontieren, die diese aus Einsicht nachvollziehen können‘, schreibt Habermas. Darum müssten religiöse Glaubensinhalte, wenn sie nach politischer Umsetzung verlangten, sprachlich und inhaltlich so gestaltet sein, dass sie auch für Andersgläubige und Atheisten plausibel erscheinen – so wie es bereits die Aufklärer gefordert haben. Eben an solcher Übersetzungstätigkeit mangelt es in der gegenwärtigen Debatte. All jene, die aus den christlichen Liebesgeboten eine bestimmte Politik ableiten wollen, müssen sich darum nicht nur die Frage gefallen lassen, wie realistisch diese Forderung ist. Mit welcher Legitimation? Auch darauf müssen sie eine Antwort finden.“

29. März 2019

Ulf Poschardt wehrt sich mit letzter Kraft gegen die drohende Auslöschung durch die für ihren schier grenzenlosen Vernichtungswillen wohlbekannte Margarete Stokowski – die damit in der Perlentaucherzusammenstellung das linke Pendant zum italienischen Innenminister (nicht: Ministerpräsidenten) Matteo Salvini bildet.

Während Linke gern jeden zum Rechten oder Rassisten abstempeln, der nicht bei drei vor ihrer Meinung stramm steht (Ulf Poschardt beklagt heute in der Welt die „Auslöschungs- und Bestrafungsfantasien“ einiger tazler und Margarete Stokowskis), entwickelt die Rechte eigene Strategien der Abqualifizierung von Kritikern. Für den italienischen Ministerpräsidenten Matteo Salvini sind sie schlicht „Anti-Italiener“, erklärt der italienische Philosoph Damiano Cantone in der NZZ. Und hat er damit Erfolg! Seine Strategie: „Er führt die Massen nicht, er folgt ihnen … Salvini gibt den Bürgern recht, er gibt ihnen dadurch ihre Würde zurück, er sagt ihnen die ganze Zeit, dass sie okay sind, wie sie nun mal sind (schließlich ist niemand perfekt), dass sie nicht die Schuld an ihrem Leiden tragen und dass er – und nur er – es ist, der ihre Sorgen wieder auf die politische Agenda setzt. Niemand wird mehr über sie lachen. Wenn er seine Behauptungen mit geradezu stoischer Ruhe vorbringt, dann zitiert er niemals Philosophen oder Intellektuelle, sondern seine Großmutter oder seinen Nachbarn, die Helden des Alltags, die ein Brot ein Brot nennen und ein Übel ein Übel.“

 

Kalenderwoche 12/2019

22. März 2019

Warum in dieser Aufzählung wohl nur die Verbrechen von den „nicht-westlichen Potentaten“ auftauchen, die (zumindest zu einem Zeitpunkt) auch Feinde des Westens waren? Bestimmt weil Fidel Castro wirklich viel Schlimmeres verbrochen hat als die indonesische Armee in den antikommunistischen Massakern Mitte der 1960er oder die diversen rechten Todesschwadronen in Lateinamerika!

Bret Stephens in der New York Times. […] „Das speist sich aus der größeren progressiven Fiktion, dass die großen Verbrechen der Nachkriegswelt diejenigen sind, die der Westen am Rest der Welt verübt hat. Viel schlimmer waren die Verbrechen nicht westlicher Potentaten – Mao Zedong, Pol Pot, Saddam Hussein, Fidel Castro, Idi Amin, Nicolás Maduro – an ihren eigenen Völkern.“

21. März 2019

Das bisschen Gender macht uns noch kaputt, sagt mein Mann.

Wir werden „geschichtslos“, wenn wir die Sprache bereinigen, schreibt die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf in der Zeit, die ebenfalls die Petition gegen den „Gender-Unfug“ (Unser Resümee) unterschrieben hat. Sie zitiert ihren Mann Torsten Schulz, der als Universitätsprofessor tätig ist: „Gender, sagt er, ist längst eine Lobbyangelegenheit geworden. Es geht vor allem um Einfluss und Macht, um die Ausbreitung von Partikularinteressen. Die Mehrheit an der Uni fügt sich diesen Gruppen, die nicht bei Sprache haltmachen, sondern besonders in kultur- und geisteswissenschaftlichen Bereichen ganze Segmente von Forschung und Lehre okkupieren. Und die Studenten? Die Mehrzahl sieht diese Entwicklung kritisch. Sie interessieren sich vielmehr dafür, wie sie nach dem Studium Jobs bekommen. Deshalb gibt es auch einige, die sagen unter vier Augen, dass sie den Zirkus mitmachen, weil sie dadurch vielleicht eine Uni-Karriere ansteuern können.“

Ob man vielleicht hätte erwähnen sollen, dass sich die Proteste unter anderem gegen den Abbau genau des Sozialstaates richten, dessen Funktionieren hier als Argument gegen die Proteste ins Feld geführt wird?

Im Zeit-Gespräch mit Adam Soboczynski rechnet die deutsch-französische Schriftstellerin Geraldine Schwarz mit den Gelbwesten ab, erklärt, weshalb durch mangelnde Aufarbeitung der Rolle der Gesellschaft unter dem Vichy-Regime das Volk in Frankreich bis heute „glorifiziert“ werde und Massenaufstände anders als in Deutschland weniger kritisch betrachtet werden. Insbesondere kritisiert sie Eribon, Louis und Ernaux, die die Gelbwesten unterstützen: „Louis und insbesondere Eribon sind in Frankreich bei Weitem nicht so renommiert und bekannt wie in Deutschland. (…) Ihre Kritik am Zustand der Republik ist völlig maßlos und auf gefährliche Weise simpel: hier die korrupte Elite, dort das heilige, missbrauchte Volk. Es ist regelrecht gefährlich, so etwas zu behaupten, insbesondere wenn man wie Louis zum ‚Zerschmettern‘ der Bourgeoisie aufruft. Natürlich gibt es Armut in Frankreich, aber die Armutsquote von 14 Prozent ist niedriger als in vielen Ländern Westeuropas. Es gibt soziale Missstände, die man bekämpfen sollte, aber insgesamt funktioniert der Sozialstaat gut. Frankreich ist Weltmeister bei den Sozialabgaben.“

20. März 2019

Pascal Bruckner zündet eine vielschichtige Ironiebombe, indem er Derridas Idee von der immer nur „im Kommen“ befindlichen Demokratie zitiert, um übertrieben demokratische Forderungen als demokratiegefährdend auszuweisen.

Der französische Philosoph Pascal Bruckner fürchtet um die Demokratie in Europa. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie gehasst wurde und jetzt scheint es wieder so weit zu sein, schreibt er in der NZZ. Was die „Empörten“ derzeit am meisten aufbringt, ist ihr schillernder Charakter, den man gleichwohl unbedingt bewahren muss: „Das Unvollendete ist ein Wesenszug der Demokratie. Ihre Herrschaft ist immer eine kommende, und man würde sie betrügen, wenn man sie mit einem fest definierten Regime gleichsetzen würde. Wenn sie sich wie in Frankreich drei ebenso widersprüchliche wie unrealisierbare Ziele setzt und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit proklamiert, dann hält sie damit einen Konfliktherd für die Ewigkeit bereit. Und genau darum ist dieses System auch so verletzlich.“

Der arme Niall Ferguson ist völlig in die Ecke gedrängt! Wer pathetische Apologien für den britischen Kolonialismus verfasst, könnte bei all dem linken Tugendterror bestimmt keine Professur an einer renommierten US-Universität bekommen! Bestimmt nicht!

Der britische Historiker Niall Ferguson klagt in einem sehr langen Interview mit der NZZ über die vielen Schneeflocken unter den amerikanischen Studenten, über den Kulturkampf der Linken, der Konservative und Liberale zunehmend in die rechte Ecke drängt und den damit einhergehenden Niedergang des akademischen Diskurses: „In den 1980er Jahren hieß das: Vielfalt an Ideen, Positionen, Zugängen. Heute heißt es: Diversität von Hautfarben, Geschlecht, sexuellen Präferenzen. Die neue Diversität ist das Gegenteil von echter Vielfalt. In ihrem Namen werden all jene diskriminiert, die nicht der gewünschten Weltanschauung entsprechen.“

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