Wer mit der Matrjoschka-Puppe spielt, sollte den Kern freilegen. Zur Einordnung der AfD 2020

Eröffnungsstatement auf dem Podium „Parteianalysen“ im Rahmen der Tagung  Kirche, Theologie und AfD am 17. Januar in Frankfurt

Die AfD sollte heute als rechtsextreme Partei betrachtet[1] und entsprechend politisch ausgegrenzt werden. Auch wenn sich einige Gegenargumente finden, überwiegen in der Gesamtbetrachtung die Argumente für diese Einordnung und diese Strategie. Im Folgenden gehe ich zunächst kurz auf die Entwicklung der AfD ein, skizziere dann ihre derzeitige Situation und begründe schließlich die Ausgrenzungsstrategie.

I. Die Entwicklung der Partei

Es ist üblich, die Geschichte der AfD als Abfolge von zwei großen Führungswechseln oder „Häutungen“ zu erzählen, die jeweils einen Rechtsruck repräsentierten. Demnach wurde die Partei 2013 anlässlich der Eurokrise von einer Gruppe um Bernd Lucke und Olaf Henkel als marktradikale Professorenpartei gegründet, stieß diese irgendwie noch bürgerlichen Gründerväter aber im ersten großen Umbruch 2015 ab, um sich dann unter Frauke Petry weiter rechts zu positionieren. Eben diese Frauke Petry unternahm dann 2017 einen Versuch, die Partei durch eine Abgrenzung nach ganz rechts außen „realpolitisch“ auszurichten, scheiterte damit aber und stieg dann selbst aus, sodass die Partei noch weiter nach rechts rückte. Diese Erzählung ist nicht falsch; jedoch ist es wichtig, einige Punkte hinzuzufügen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Erstens sollte diese Erzählung nicht zu einer Verharmlosung der Parteigründer führen. Die AfD war zu keinem Zeitpunkt einfach eine liberal-konservative Partei – auch wenn Bernd Lucke und Olaf Henkel dieses Narrativ bis heute gerne bedienen. Sicherlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Lucke und Höcke. Aber auch ersterer fiel immer wieder durch rassistische und illiberale Sprüche auf. So sprach er beispielsweise über „nicht gut integrierbare“ Sinti und Roma sowie eine „entartete Demokratie“. Zudem integrierte er die radikal rechten Kräfte noch 2014 recht bewusst in die Partei, in der Hoffnung, sie als Schwungmasse nutzen zu können, um die Fünfprozenthürde zu überspringen. So bestätigte er Alexander Gauland noch im Dezember 2014 in der Einschätzung zu, AfD und Pegida seien „natürliche Verbündete“. Im selben Zuge behauptete er auch, Pegida sei bislang „frei von fremdenfeindlichen Ausfällen“ geblieben – welch ein Hohn.

Zweitens war die AfD zwar inhaltlich immer heterogen und hat diverse Wandlungsprozesse durchlaufen. Aber sowohl der Zusammenhalt als auch die Brüche in der Partei waren zu jedem Zeitpunkt stärker durch einen Willen zur Macht als durch inhaltliche Positionen und Differenzen geprägt. Lucke und Henkel stiegen nicht etwa in dem Moment aus, als extreme Rechte in die Partei kamen – wie gesagt hatten sie diese Kräfte selbst in die Partei integriert. Vielmehr stiegen sie in dem Moment aus, als ihr alleiniger Machtanspruch in Frage gestellt wurde. Bei Frauke Petry ist es noch offensichtlicher: 2015 kegelte sie mit Rückendeckung der Rechtsextremen Lucke und Henkel weg, um sich dann 2017 als Bürgerliche zu inszenieren, die sich verzweifelt gegen die Rechtsextremen in der Partei stemmt. Im Falle von Alice Weidel zeigt sich der Machtinstinkt in der umgekehrten Richtung: Sie unterstützte 2017 noch Petrys Initiative für einen Ausschluss Höckes, trat aber 2019 den Gang nach Canossa an und sucht nun Frieden mit Schnellroda. Auch hier müsste man einigermaßen naiv sein, um das auf einen Gesinnungswandel zurückzuführen. Viel plausibler ist, dass sie jeweils dorthin geht, wo sie es für machtstrategisch klug hält. Meuthen und Gauland kann man ihr bürgerliches Gerede schon gar nicht glauben, weil sie auf ihre je eigene Weise von Anfang an mit dem Flügel kooperierten.

Drittens schließlich stimmt es nicht, dass die Partei in ihrem Transformationsprozess heute noch am selben Ort stünde wie 2017. Auch wenn die dem bewährten Zweijahresturnus nach fällige Rebellion 2019 ausblieb und der Übergang von Gauland zu Tino Chrupalla einigermaßen geordnet ablief, sollte der Parteitag in Braunschweig Ende November/Anfang Dezember bei der Nacherzählung der Parteientwicklung nicht unberücksichtigt bleiben. Denn hier wird deutlich, dass die Rechtsverschiebung in den letzten zwei Jahren weiterging. Während sich 2017 in Köln „nur“ zeigte, dass sich keine Mehrheit für einen Ausschluss des Flügels fand, zeigte sich 2019 in Braunschweig, dass der Flügel in der Partei mittlerweile eine dominante Rolle spielt, kaum noch Entscheidungen gegen ihn getroffen werden können. Dies wurde insbesondere im Laufe der Vorstandswahlen deutlich, bei denen mit Georg Pazderski, Uwe Junge und Kay Gottschalk gleich drei prominente Politiker aus dem Vorstand heraus- bzw. nicht hineingewählt wurden, die im Sommer einen Flügel-kritischen Aufruf unterschrieben hatten. Es zeigte sich, dass der Flügel ca. 40% der Delegierten fest auf der eigenen Seite wusste und weitere 20% in einzelnen Punkten mobilisieren konnte. Damit zeigt sich, dass Andreas Kalbitz und Björn Höcke heute in der Partei faktisch mehr Macht ausüben als alle Gegner_innen des Flügels zusammen. Gauland, Weidel und Meuthen reiten auf dieser Welle, kontrollieren sie aber nicht.

II Wie ist die Partei einzuordnen?

Was heißt das nun für die Einordnung der Gesamtpartei? Über die rechtsextreme bzw. faschistische Ausrichtung des Flügels sollte heute kein Zweifel mehr bestehen. Die Flügel-Aktivist_innen halten die liberale Gesellschaft für dekadent und degeneriert. Sie träumen von einer reinigenden Gewalt inklusive gewaltsamer Remigration von als ethnisch fremd gelabelten sowie einem notwendigen „Verlust“ der weniger widerstandsfähigen „Volksteile“. Und gegen eben diesen Flügel kann in der Bundes-AfD heute nichts mehr entschieden werden.

Dabei sollte man sich auch nicht von dem verbreiteten Narrativ irreführen lassen, demzufolge der Rechtsextremismus ein Problem der Ost-Landesverbände sei. Auch das ist nicht ganz falsch, bedarf aber einer Differenzierung. Ja, die AfD-Strukturen unterscheiden sich regional; ja, die Ost-West-Differenz spielt eine Rolle. Allerdings sollte dabei zweierlei nicht übersehen werden: Zum einen zeichnen sich die Ost-Landesverbände nicht nur durch ihre extremere Ausrichtung aus, sondern auch dadurch, dass sie personell vergleichsweise schwach aufgestellt sind – und einige der wichtigsten Kader in den Ostverbänden kommen aus dem Westen. Zum anderen gewinnen die extremeren Kräfte auch in Westverbänden zunehmend an Einfluss. Dabei werden mitunter scharfe Machtkämpfe ausgetragen, die in der Gesamttendenz immer weiter zugunsten des Flügels kippen. Während man also davon ausgehen kann, dass es im Osten mehr rechtsextreme Wähler_innen gibt als im Westen, dürfte Zahl der rechtsextremen Funktionär_innen im Westen mindestens so hoch sein wie im Osten – nur dass sich ihnen vorerst noch einige andere Kräfte entgegenstellen, die jedoch allenfalls im Vergleich als „gemäßigt“ bezeichnet werden können.

Genau zu dem Zeitpunkt, als die innere Machtverschiebung den aller Voraussicht nach irreversiblen Kipppunkt zur rechtsextremen Gesamtpartei erreicht hatte, veränderte die AfD ihre Außendarstellung in die entgegengesetzte Richtung. Seit den drei Landtagswahlen in Ostdeutschland im Herbst 2019 gibt es kaum ein Wort, das AfD-Politiker_innen so häufig in den Mund nehmen wie „bürgerlich“. Man sei eine bürgerliche Partei, vertrete bürgerliche Positionen, habe bürgerliche Wähler_innen und strebe eine bürgerliche Koalition mit Union und FDP an. Was für ein Unsinn! Ich sehe es im Allgemeinen nicht als Teil meiner Aufgabe, den Begriff des Bürgerlichen zu verteidigen, und nehme es der AfD einigermaßen übel, dass ich es seit einiger Zeit doch tue. Aber sei‘s drum. Wenn man einen normativen Begriff des Bürgerlichen in der Politik vertreten möchte, müsste sich das Bürgerliche zum einen durch eine Orientierung an den Grundwerten der bürgerlich-liberalen Verfassung zeigen. Zum anderen müsste sie sich gerade durch einen Erhalt des Bestehenden auszeichnen; dadurch, dass man das, was ist, wertschätzt und unvermeidliche Wandlungsprozesse langsam und behutsam moderiert. So gesehen, findet man kaum eine bürgerlichere Praxis als die von Angela Merkels CDU. Es ist kein Zufall, dass die AfD und insbesondere der Flügel eben diese Angela Merkel verteufeln wie kaum etwas anderes – denn sie stehen für das genaue Gegenteil: Sie zeichnen ein apokalyptisches Bild von der Gegenwart und wünschen sich eine „Wende 2.0“, einen Umsturz des Bestehenden, auf dass gestählt durch den Kampf aus der Asche ein neues, ethnisch weitgehend homogenes Deutschland auferstehen soll. Das ist nicht bürgerlich, konservativ oder gar liberal, das ist reaktionär und faschistoid.

Die AfD erweist sich somit als Matrjoschka-Puppe: Im Innern sitzen rechtsextreme Kräfte, die faktisch das Sagen haben, aber „Selbstverharmlosung“ (Götz Kubitschek) betreiben, indem sie sich fürs Erste hinter rechtsradikalen Kräften um Gauland, Weidel und Meuthen verstecken. Diese wiederum verbergen sich hinter einer bürgerlich-konservativen Selbstdarstellung, aus der heraus sie Koalitionsofferten an die Union machen.

III Strategie und Gegenstrategie

Es gibt keinen Grund, mit dieser Matrjoschkapuppe einen Diskurs über irgendetwas aktiv zu suchen oder sie in bestehende Diskurse einzubinden – solange man die Wahl hat. Wenn man aber keine Wahl hat – für öffentliche Institutionen gilt dies in Bezug auf im Parlament vertretene Parteien mithin – dann sollte der Diskurs entsprechend geführt werden: Man sollte den rechtsextremen Kern der Puppe freileen, anstatt der bürgerlichen Selbst-Inszenierung mehr Raum zu bieten. Darüber hinaus kann es sehr sinnvoll sein zu zeigen, dass in Bezug auf die relevanten Sachfragen der Gegenwart in dieser Puppe am Ende oftmals rein gar nichts steckt. Beides heißt, dass man sich vorbereitet haben muss.

Was man sich von der Ausgrenzung nicht erhoffen darf, ist eine Reduktion der AfD-Wahlergebnisse unter die Fünf-Prozent-Hürde. Es kann gut sein, dass die Partei in den nächsten Jahren einen solchen Einbruch erleben wird, aber er lässt sich von außen nicht planmäßig herbeiführen. Von denjenigen, die heute AfD wählen oder in der Partei aktiv sind, werden sich nur die wenigsten[2] durch eine noch so scharfe Stigmatisierung oder Ausgrenzung umstimmen lassen. Die meisten werden sich in ihrer Haltung eher bestätigt fühlen.

Gleichzeitig gibt es durchaus etwas, das man sich von der Ausgrenzung erhoffen darf: Die meisten anderen Parteien und Wähler_innen werden in ihrer Haltung, die Partei zu meiden und sie von der Zusammenarbeit auszuschließen, bestärkt – und das ist gut so. Dass diese Ausgrenzung wirkt, sieht man zum einen daran, dass die AfD bei einem kleinen harten Kern zwar beliebt ist, von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung aber sehr deutlich abgelehnt wird. Eine absolute Mehrheit der Bevölkerung sagt, sie wolle die AfD nie wählen und diese solle nie an die Regierung gelangen. Und auch in internen Strategiepapieren der AfD wird die Stigmatisierung immer wieder als ein Hauptproblem genannt. Die bürgerliche Inszenierung soll dieses Problem umgehen – dabei sollte man nicht mitspielen.

Zudem gibt es noch einen weiteren Grund für eine Ausgrenzung: Sie signalisiert denjenigen, gegen die die AfD hetzt und die von rechtem Terror bedroht sind, Solidarität.

[1] Ich selbst habe dies in der taz dargelegt; ausführlicher s. Armin Pfahl-Traughbers Die AfD und der Rechtsextremismus.

[2] Sollte eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz anstehen, werden einige vielleicht um Konsequenzen für ihr Geschäftsleben fürchten und dann – wie so viele vor ihnen – mit schockierten Statements darüber, dass diese Partei nicht mehr zu retten sei, aussteigen.

Die Gesellschaft, die Rechte, der Ruck und das Hufeisen

Im November habe ich im Tagesspiegel behauptet, dass wir keinen gesellschaftlichen Rechtsruck erleben, um im Dezember dann in der taz darzulegen, warum ich die AfD mittlerweile als rechtsextreme Partei einordne. Auf den ersten Blick besteht zwischen beiden Thesen ein Widerspruch: Wie kann es sein, dass eine im Kern rechtsextreme Partei mit zweistelligen Wahlergebnissen in die Parlamente einzieht, wenn die Gesellschaft nicht nach rechts rückt? In diesem Text erläutere ich, wie beides zusammengeht. „Die Gesellschaft, die Rechte, der Ruck und das Hufeisen“ weiterlesen

Kritik an Cornelia Koppetschs „Gesellschaft des Zorns“ und drei weitere Texte im SozBlog

In den letzten zwei Monaten habe ich den SozBlog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bespielt. Dabei habe ich mich vor allem der in fünf einzelne Blogbeiträge unterteilten Kritik von Cornelia Koppetschs Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter gewidmet.

Darüber hinaus habe ich für den Blog eine Rezension von Cas Muddes neuem Buch The Far Right Today sowie zwei weitere Texte über das Verhältnis von Rechtspopulismus, Demokratie und Rassismus verfasst. Untenstehend sind alle Links zusammengetragen.

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„Unser Geld für unsre Leut‘“. Die „Soziale Frage“ rechtspopulistisch gestellt

Am 25. Mai 2019 hielt ich im Rahmen der Ringvorlesung „Gesellschaft im Stresstest“ in Tübingen gemeinsam mit Matthias Möhring-Hesse einen Vortrag. Ich ging dabei auf die Positionen rechtspopulistischer Parteien zu wirtschafts- und sozialpolitischen Themen ein, er darauf, was es bedeutet „die soziale Frage“ zu stellen, und wie die aktuelle Positionierung der AfD vor dem Hintergrund des deutschen Wohlfahrtsstaats, seiner Struktur und seiner Transformationen zu erklären ist. Der folgenden Text basiert auf dem Manuskript zu meinen Abschnitten der Vorlesung. Die Empirie zeigt, dass die Rechtsparteien in sozioökonomischen Fragen sehr heterogen aufgestellt sind. Dies erkläre ich dadurch, dass sie in diesen Fragen ideologisch flexibel sind, weil ihr Markenkern durch andere, eher soziokulturelle Fragen definiert ist.

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In einer von extremer Ungleichheit geprägten Welt sollten uns extreme Ungleichheitsideologien nicht überraschen. Über den „Rechtsruck“ und mögliche Gegenstrategien

Am 6. Juli sprach ich im Rahmen des 7. Menschenrechtsfestivals im Kölner Allerweltshaus über den sogenannten Rechtsruck und mögliche Gegenstrategien. Im Folgenden dokumentiere ich mein Manuskript.

Will man diskutieren, welche Strategien gegen den jüngsten Aufstieg der extremen Rechten zu wählen sind und welche nicht, muss man drei Ebenen betrachten: Erstens die Ebene der Ziele, damit man weiß, was man eigentlich will und warum man überhaupt gegen diese Rechte ist; zweitens die Ebene der Ursachen, damit man weiß, wo man ansetzen könnte; drittens schließlich die Ebene der Strategien, damit man weiß, was zu tun ist.

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Auf vielen Ebenen, mit vielen Mitteln. Was tun gegen den Rechtsruck?

Am 6. März 2019 diskutierte ich im Rahmen des Philosophischen Aschermittwoch an der Universität Bielefeld unter dem Titel Der Rechtsruck – Was tun? mit Wiebke Esdar, Peter Schulte und Anna-Bella Eschengerd. Hier dokumentiere ich nun das zum Essay ausgebaute Manuskript meines Eingangsstatements als Blogbeitrag. In diesem diskutiere ich zunächst, in welchem Sinne überhaupt von einem Rechtsruck die Rede sein kann, gehe dann auf die Ursachen und schließlich auf die möglichen Gegenstrategien ein. In allen drei Punkten komme ich zu dem Schluss, dass der Fokus auf Fragen der politischen Repräsentation liegen sollte.

(Link zum ganzen Text als pdf)

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Rechter Ideologe und schlechter Soziologe. Alexander Gaulands Rede über Populismus und Demokratie gelesen als Theorie, Ideologie und politische Herausforderung

Im Oktober 2018 erregte Alexander Gauland mit einem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Aufsatz über Populismus einige Aufmerksamkeit – insbesondere, weil bald das Gerücht die Runde machte, er habe darin eine Rede Adolf Hitlers plagiiert. Dieser Verdacht ging vor allem auf eine starke Ähnlichkeit in der Argumentationsstruktur zurück: In beiden Texten wurden in durchaus ähnlichen Formulierungen örtlich verwurzelte Teile des Volkes gegen eine wurzel- und ortlose Minderheit ausgespielt, die überall und nirgends zu Hause sei. Weil sich solche Figurationen seit Jahrhunderten bei diversen rechten und konservativen Ideolog_innen finden, lässt sich auf dieser Basis freilich kein Plagiatsvorwurf aufrechterhalten – darüber, ob Gauland Hitler bewusst paraphrasierte oder ob es sich bei den Ähnlichkeiten um ein eher zufälliges Produkt handelt, das auf ideologischen Parallelen beruht, lässt sich nur spekulieren. Analoges gilt für die gut 40-minütige Rede, die Gauland am 19. Januar beim neurechten Institut für Staatspolitik in Schnellroda hielt und in der er die Argumentation aus dem faz-Artikel weiter ausbreitet.

Wenn man sich aber auf solche Argumente ad hitlerem begrenzt, übersieht man viele instruktive Aspekte von Gaulands Beiträgen. Daher schlage ich im Folgenden vor, seine Rede auf drei Weisen zu lesen: erstens als schlechte Soziologie und Politikwissenschaft, die zu widerlegen ist; zweitens als rechte Ideologie, die als solche auszuweisen ist; und drittens als strategische Herausforderung, auf die zu reagieren ist.

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Mit Neuen Rechten reden?

Im Rahmen einer vom Arbeitskreis Neue Rechte der Tübinger Fachschaft Politik organisierten Podiumsdiskussion debattierte ich am 18. Dezember mit Alice Blum und Thomas Wagner darüber, ob und wie man in sozialwissenschaftlicher Forschung und politischer Öffentlichkeit „Mit Neuen Rechten reden“ sollte. Im Folgenden eine ausformulierte Version meines Spickzettels. „Mit Neuen Rechten reden?“ weiterlesen

Eine strukturschwache These. Oder: Warum es sich manchmal lohnt, Deutschlandkarten zu zerschneiden

Immer wieder liest und hört man, die AfD sei gerade „in strukturschwachen und abgehängten Regionen“ insbesondere Ostdeutschlands stark – auch beim DVPW-Kongress in Frankfurt in der vergangenen Woche hörte ich die Formulierung mindestens zwei Mal. Bei genauerem Hinschauen erweist sich diese oft als selbstverständlich vorausgesetzte These als zweifelhaft: Betrachtet man Ost und West getrennt, ist die AfD gerade in relativ strukturstarken Regionen auffällig erfolgreich. „Eine strukturschwache These. Oder: Warum es sich manchmal lohnt, Deutschlandkarten zu zerschneiden“ weiterlesen

Populismus muss nicht antipluralistisch, Demokratie nicht liberal sein. Zwei Thesen von Jan-Werner Müller und die falschen Schlüsse, die aus ihnen gezogen werden

 

Ich habe keine Strichliste geführt, aber meiner gefühlten, durch meine Panelauswahl hoch selektiven Empirie zufolge ist Jan-Werner Müller der bislang (Stand: Mittwoch 11:19 Uhr) meistzitierte Theoretiker beim diesjährigen DVPW-Kongress Die Grenzen der Demokratie: Er wurde im gestrigen Panel Democratic Anxieties zitiert, er wurde in der Podiumsdiskussion während der Eröffnungsveranstaltung zitiert und er wurde in der heutigen Rede des Bundespräsidenten zitiert. Zitiert werden (nicht nur diese Woche in Frankfurt)) insbesondere zwei miteinander verknüpfte Thesen, aus denen immer wieder falsche Schlüsse gezogen werden. Ich rekonstruiere diese Thesen und die mit ihnen verbundenen Probleme hier nicht aus Müllers Buch Was ist Populismus?, sondern stelle sie bezogen auf die Art und Weise dar, auf die sie zitiert und benutzt werden.

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